Unser 200. Kampagnenpartner: Die Bundesdruckerei im Interview

Eingang der Bundesdruckerei in der Kommandantenstraße

Mitte April 2016 begrüßte die Kampagne für den IT-Standort Berlin „log in. berlin.“ die Bundesdruckerei als 200. Partner. Aus diesem Anlass hat unser Kampagnenteam mit dem Vorsitzenden der Geschäftsführung, Ulrich Hamann, gesprochen. Wir wollten mehr über diesen spannenden Akteur erfahren, der sowohl ein Berliner Traditionsunternehmen als auch ein Impulsgeber für die digitale Zukunft ist.

Herr Hamann, seit wann gibt es die Bundesdruckerei, und war sie schon immer in der Kommandantenstraße in Berlin-Mitte?
Die Geschichte der Bundesdruckerei reicht über mehr als 250 Jahre zurück – von der Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei über die Königlich-Preußische Staatsdruckerei bis zur Staatsdruckerei Berlin, die 1951 unter dem Namen Bundesdruckerei in die neuen Verwaltungsstrukturen der noch jungen Bundesrepublik eingegliedert wurde. All dies und vieles mehr spielte sich ab 1879 in der Tat auf unserem noch heute genutzten Firmengelände zwischen der Oranien- und Kommandantenstraße ab.

Was war die Gründungsidee der Bundesdruckerei und was ist heute ihre Hauptaufgabe?
Die Bundesdruckerei hat sich in ihrer langen Firmengeschichte vom klassischen Wertdruckunternehmen zu einem international anerkannten Anbieter von innovativen Sicherheitslösungen entwickelt. Heute, im Zeichen des digitalen Wandels, decken wir das gesamte Themenspektrum rund um „Sichere Identitäten“ ab. Dabei verknüpfen wir unsere Lösungen und Technologien immer mit einem ganzheitlichen Beratungsansatz, um Unternehmen und Behörden auch im Kontext der digitalen Transformation professionell begleiten zu können. Die Vertrauensbasis für sichere elektronische Transaktionen zu schaffen und diese mit immer neuen Innovationen effizient weiterzuentwickeln, ist aus meiner Sicht heute eine der Hauptaufgaben der Bundesdruckerei.

Wie viele Mitarbeiter hat die Bundesdruckerei heute?
Rund 2.000 Mitarbeiter arbeiten für die Bundesdruckerei in Berlin. Gemeinsam haben wir im Geschäftsjahr 2015 einen Umsatz von 465 Millionen Euro erzielt und gelten in Berlin als einer der attraktivsten Arbeitgeber. Dafür spricht auch, dass die Betriebszugehörigkeit unserer Mitarbeiter mit rund 13 Jahren weit über dem Bundesdurchschnitt liegt und unser Personalmanagement mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht wurde. Als besonders positiv empfinde ich darüber hinaus, dass knapp die Hälfte unserer 19 Unternehmensbereiche von Managerinnen geführt wird, und wir mit unserem Anteil an weiblichen Führungskräften deutlich über den Branchendurchschnitt liegen. Entsprechend sind wir nicht nur nach dem Audit „berufundfamilie“ zertifiziert, sondern tragen auch die Gütesiegel „Fair Company“ und „Karriereförderndes & faires Trainee-Programm“.

„Zu keiner Zeit waren Gesellschaften so gut vernetzt, so flexibel und so mobil wie heute“

Die Digitalisierung und andere technologische Innovationen verändern auch Ihre Aufgaben. Sie bewegen sich in einem starken Spannungsfeld von Tradition und Moderne. Wie erleben Sie diese Zeit?
Als ungeheuer aufregend und inspirierend. Zu keiner Zeit waren Gesellschaften so gut vernetzt, so flexibel und so mobil wie heute. Überall können wir mit anderen Menschen in Kontakt treten, jederzeit online interagieren und ganz nach Wunsch in eine schier unerschöpfliche Vielfalt an Informationen, Angeboten und Services eintauchen. Allerdings stellen uns der Umfang, die Komplexität und die potenzielle Angreifbarkeit der Datenflut auch vor neue Herausforderungen. Das betrifft vor allem viele mittelständische Unternehmen, die den digitalen Wandel unter einem hohen Wettbewerbsdruck meistern müssen. An dieser Stelle unterstützend einzugreifen, ist eine Aufgabe, die der ebenfalls mittelständischen Bundesdruckerei neu zugewachsen ist. Und so agieren wir in dieser Zeit, die aus meiner Sicht vor allem durch permanente Veränderung geprägt ist, auch als ein IT-Beratungshaus, das mit viel eigener Erfahrung passgenaue Lösungen entwickelt und diese bis zur technischen und organisatorischen Umsetzung beim Kunden begleitet.

Ulrich HamannWas war die größte Herausforderung für die Bundesdruckerei vor diesem Hintergrund in den letzten zehn Jahren?
Veränderung leben zu lernen – gemeinsam und über alle Geschäftsbereiche hinweg. Sich dem gesellschaftlichen Wandel und den damit einhergehenden strukturellen und technologischen Veränderungen immer wieder neu zu stellen, erfordert viel Flexibilität und die Bereitschaft, Gewohntes abzustreifen. Das haben wir geschafft und aus der eigenen Transformation heraus einen ganzheitlichen Blick für die Bedürfnisse unterschiedlicher Branchen und Märkte entwickelt. Eine Herausforderung, von der wir heute gemeinsam mit unseren Kunden profitieren.

Und welches wird die nächste ganz große Herausforderung für Sie und Ihre Mitarbeiter?
Das werden wir sehen und mit der Erfahrung der vergangenen zehn Jahre zu meistern wissen. Dabei wird es neben dem Dauerbrenner IT-Sicherheit sicherlich auch um die Themen Digitale Souveränität, Cloud-Computing, Industrie 4.0 und auch um das Internet der Dinge gehen. Aber all diese Schlagworte sind Teil eines übergreifenden Digitalisierungsprozesses, den wir nur über beständig aktualisierte Digitalstrategien werden steuern können. Genau das begreife ich als eine ebenso spannende wie verantwortungsvolle Aufgabe.

Die Bundesdruckerei entwickelt auch Anwendungen für die Privatwirtschaft. Um was für Aufträge geht es da? Können Sie uns zwei Beispiele geben, die Sie persönlich besonders interessant finden?
Die digitale Transformation verändert viele etablierte Geschäftsmodelle. Ganze Branchen müssen sich neuen Bedingungen anpassen – und das in kürzester Zeit.
Gerade für mittelständische Unternehmen stellt die zunehmende Digitalisierung von Geschäfts- und Produktionsprozessen eine enorme Herausforderung dar. Gleichzeitig fordert der Gesetzgeber vielfältige neue Maßnahmen zum Schutz der IT- und Informationssicherheit, die zum Teil komplexe Steuerungs- und Managementsysteme erforderlich machen und zu erheblichen strukturellen Umwälzungen führen. Das überfordert viele Unternehmen. Deshalb haben wir unter dem Motto „Digital werden. Sicher bleiben.“ einen komplett neuen Geschäftsbereich aufgebaut, der gerade KMU beratend zur Seite steht und sie Schritt für Schritt durch alle Phasen eines erfolgreichen Digitalisierungsprozesses begleitet. Als mittelständisches Unternehmen, das den „digital change“ bereits zu weiten Teilen vollzogen hat, verstehen wir die Aufgabenstellung vielleicht besser als andere und können viel Know-how einbringen. Dazu zählt auch die Einsicht, dass smarte Technologien und Lösungsbausteine allein nicht reichen, um die Unternehmen voran zu bringen. Was jetzt gebraucht wird, sind individuelle Beratungs- und Lösungskonzepte, die an unterschiedliche Bedarfe und Investitionsbudgets angepasst werden können und ganze Prozesse und nicht nur Teilaspekte beleuchten. Diesen ganzheitlichen Ansatz finde ich aktuell besonders interessant.

„Sichere Identität bedeutet für uns die Basis eines jeden Vertrauensverhältnisses“

Was verstehen Sie unter „Sichere Identitäten“? Warum ist dieses Thema für die Bundesdruckerei so zentral?
Mit wem oder was habe ich es zu tun und wie vertrauenswürdig sind die Informationen, die ich über mein Gegenüber erhalte? Diese Fragen sind in der digitalisierten Welt von entscheidender Bedeutung und für die Bundesdruckerei der Schlüssel zu fast all ihren Produkt- und Lösungsbausteinen. Zu erklären ist das auch mit unserer Firmengeschichte. Seit über 250 Jahren arbeiten wir in hochsensiblen Bereichen und haben sowohl als Wert- und Banknotendruckerei als auch als Produzent von hoheitlichen Dokumenten ein tiefes Verständnis für die Bedeutung eindeutiger, unverfälschter und zuverlässiger Informationen aufgebaut. Sichere Identität bedeutet für uns die Basis eines jeden Vertrauensverhältnisses – egal ob analog oder digital. Mit Hilfe digitaler Identitäten kann heute eine E-Mail dem Absender, ein Ersatzteil einer bestimmten Maschine, ein einzelner Ablauf einem ganzen Produktionsprozess zugeordnet und schließlich jeder einzelne Mensch in seiner individuellen Unverwechselbarkeit wahrgenommen werden. Ohne sichere, digitale Identitäten wäre die heutige Informationsgesellschaft nicht denkbar.

Wo entwickelt die Bundesdruckerei ihre technologischen Innovationen? Haben Sie eigene Forschung und Entwicklung im Haus oder arbeiten Sie mit externen Partnern zusammen?
Wir verfolgen eine langfristig orientierte Innovationsstrategie, die von den hochspezialisierten Mitarbeitern unserer Innovationsabteilung beständig vorangetrieben wird. Das beinhaltet auch das vernetzte Arbeiten in interdisziplinär angelegten Zukunftsprojekten. So haben wir zum Beispiel die Gründung des bundesweit ersten Lehrstuhls für „Secure Identity“ an der Freien Universität Berlin initiiert und unterstützen dort die Grundlagenforschung und die Ausbildung des akademischen Nachwuchses. Zusätzlich kooperieren wir mit unterschiedlichen Instituten der Fraunhofer-Gesellschaft und beteiligen uns an zahlreichen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und anderen Institutionen geförderten Forschungsprojekten. Und über den Verein „Sichere Identität Berlin-Brandenburg e.V.“ haben wir zudem erreichen können, dass inzwischen mehr als 20 Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Hochschulen ihre vielfältigen Kompetenzen und Aktivitäten erfolgreich bündeln.

„Obwohl zahllose E-Payment-Verfahren angeboten und genutzt werden, rascheln und klimpern noch Banknoten und Münzen in unseren Taschen“

Auf der diesjährigen CeBIT hat ein winziger Computer-Chip für viel Aufsehen gesorgt. Besucher ließen ihn sich unter die Haut implantieren, um sich etwa gegenüber ihrer eigenen Haustür zu legitimieren und sie so zu öffnen. Wird es in Zukunft überhaupt noch Geldscheine und Dokumente wie Reisepässe aus Papier geben? Oder wird alles digital gespeichert und abgewickelt, zum Beispiel über implantierte Chips oder biometrische Verfahren?
Wir sind davon überzeugt, dass es stets ein Nebeneinander von klassischen und hochinnovativen Verfahren geben wird. Obwohl zahllose E-Payment-Verfahren angeboten und genutzt werden, rascheln und klimpern noch Banknoten und Münzen in unseren Taschen; obwohl der Markt für eBooks boomt, werden noch Millionen gedruckte Bücher gekauft und obwohl wir unsere Haus- oder Autotür fix mit einem implantierten Chip öffnen könnten, suchen wir beständig nach verlegten Schlüsseln.
Zweifellos wird sich vieles, das wir uns heute vielleicht noch gar nicht vorstellen können, zukünftig auch auf elektronischem Wege lösen und abwickeln lassen. Ich halte dies aber nicht für ein Horrorszenario. Die Dinge entwickeln sich nun einmal weiter und solange wir der Sicherheit und dem Datenschutz oberste Priorität einräumen, sollten wir neuen Entwicklungen aufgeschlossen begegnen.

Würden diese technologiebasierten Systeme gehackt, hätte dies fatale Folgen für den einzelnen Bürger, aber auch für die Akzeptanz der papierlosen Identifizierung. An diesem Punkt spielt also das Thema Datensicherheit eine entscheidende Rolle. Ist die Bundesdruckerei auf diese Gefahren vorbereitet und wie lautet Ihre Antwort auf diese Herausforderung?
Datensicherheit ist unser Kerngeschäft. Deshalb beschäftigen wir uns tagtäglich mit möglichen Risiken, denkbaren Missbrauchs-, Manipulations- oder Angriffsszenarien, die technologiebasierte Systeme betreffen könnten. Sich in absoluter Sicherheit zu wiegen, wäre fatal. Darum arbeiten wir beständig an neuen Lösungen und Sicherheitsmechanismen, und das Thema Sichere Identitäten ist unser Markenzeichen. Insofern ein ausdrückliches Ja auf Ihre Frage, ob wir auf potenzielle Gefahren, die mit den Segnungen der Informationsgesellschaft einhergehen, vorbereitet sind. Ja, wir sind uns dieser Risiken nicht nur bewusst, sondern finden auch jeden Tag neue Antworten auf die gestellten Herausforderungen.Außenansicht Neubau der Bundesdruckerei

Berlin wird oft auch als deutsches Silicon Valley bezeichnet. Es ist eine lebendige Szene aus IT-Unternehmen, Start-ups und Akteuren des Digital Business entstanden. Gibt es hier Synergieeffekte, die die Bundesdruckerei nutzen will und nutzen kann? Oder anders gefragt: Profitiert die Bundesdruckerei vom wachsenden IT-Standort Berlin, etwa bei Projekten wie der Digitalisierung des Bundestags-Archivs?
Ganz sicher profitieren wir von „Silicon Berlin“, ebenso wie der IT-Standort Berlin von uns profitiert. In den vergangenen Jahren hat sich die Bundesdruckerei zu einem der international anerkanntesten Impulsgeber für neue Verfahren und Lösungen im Bereich Sichere Identität entwickelt. Wir analysieren neueste Entwicklungen in den Nano-, Bio- und Neurowissenschaften, um sie für die Weiterentwicklung innovativer Lösungen und Produkte der Hochsicherheitstechnologie nutzbar zu machen und stehen dabei im beständigen Austausch mit anderen Marktakteuren, wissenschaftlichen Institutionen und Forschungslaboren. In der Tat ist Berlin hierfür das ideale Pflaster und es gibt unendlich viele Synergieeffekte – für die Bundesdruckerei und für all unsere Partner.

„Hier schlägt das digitale Herz der Bundesrepublik“

Warum sollten aus Ihrer Sicht Unternehmen der IT-Branche und der Digitalen Wirtschaft Berlin als Standort auswählen?
Weil hier das digitale Herz der Bundesrepublik schlägt.

Wann und warum sind Sie persönlich nach Berlin gezogen? Und wie erleben Sie die Stadt? Was ist das Besondere an Berlin aus persönlicher Sicht?
Ich bin 2004 aus München nach Berlin gekommen. Nach jahrelanger Tätigkeit in verschiedenen Geschäftsbereichen bei Siemens und Infineon warteten bei der Bundesdruckerei in Berlin neue und spannende Aufgaben auf mich. Die Stadt und das Unternehmen sind für mich Eins – ungeheuer inspirierend, spannend und immer wieder überraschend. Es gibt keine vergleichbare Stadt in Deutschland und aus meiner Sicht auch nicht in Europa oder auf anderen Kontinenten. Das Gleiche gilt für die Bundesdruckerei, die mich in den vergangenen 12 Jahren in vielerlei Hinsicht geprägt und gefordert hat, wie vermutlich auch ich sie. Schwärmereien liegen mir nicht. Aber ich bin sicher, Berlin und die Bundesdruckerei sind für mich genau der richtige Ort, um zu leben und zu arbeiten.

Die IT und die Digitalisierung verändern unseren Alltag rasant. Auf welche Innovationen freuen Sie sich persönlich am meisten?
Neue Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz oder die Möglichkeiten eines Quantencomputers werden uns ungeahnte neue Chancen eröffnen und uns gleichzeitig mit komplett neuen Herausforderungen konfrontieren. Insofern freue mich vor allem auf das Unerwartete. Und davon wird es zweifellos noch mehr als genug geben.

Und noch eine Frage zum Schluss: Warum ist die Bundesdruckerei Partner der Kampagne „log in. berlin.“ geworden? Was erwarten Sie sich für Ihr Unternehmen und wie kann die Bundesdruckerei zum Erfolg der Kampagne beitragen?
Die Bundesdruckerei ist eines der traditionsreichsten Unternehmen in Berlin. Wir gehören hierher und freuen uns, wenn wir gemeinsam mit vielen anderen Berliner Akteuren auf die Stärken dieses herausragenden Industrie-, Forschungs- und Wirtschaftsstandortes aufmerksam machen können. Es ist wichtig, auch international auf die Innovationskraft der Hauptstadtregion und ihre hocherfolgreiche und agile IT- und Digitalwirtschaft hinzuweisen und unsere Marktposition weiter zu festigen. Dazu tragen wir gerne bei.

Herr Hamann, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

© Fotos: Bundesdruckerei GmbH
Bild 1: Der Eingang an der Kommandantenstraße in Berlin-Kreuzberg
Bild 2: Ulrich Hamann, Vorstand der Geschäftsführung
Bild 3: Aussenansicht des Neubaus

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